13 August, 2012

interview mit einer hure.


ihr name ist babette*. und ihre haare feuerrot. und der autor kann nicht ganz verheimlichen, dass er etwas verlegen ist. 
durch das fenster, werden wir von aufgeregten raben beobachtet, die gegenüber auf den betondächern des industriegebiets platz genommen haben. 
das zimmer selbst erinnert ziemlich nüchtern an eins dieser modell-schlafzimmer aus einem der großen möbelhäuser; die rote seidenbettwäsche, die drei goldenen maneki-nekos auf dem fensterbrett und die ockerfarbenen wände verwirren meine sinne, genauso wie der klebrig süße duft (raumerfrischer, marke: "tropica") und die omnipräsente oberweite von babette.     
babette nimmt auf dem bett platz, sie trägt jeans und ein baumwoll-oberteil und raucht jetzt tatsächlich eine dieser langen zigaretten, die nach ihrem berufsstand benannt sind.


"was willst wissen?"
ihr münchnerisch eingefärbter zungenschlag gibt mir etwas sicherheit; mir, der ich mich in einen allzu weichen sessel à la Louis-seize fallen lasse.
"nun, zunächst würde mich interessieren, welche dienstleistungen du denn für gewöhnlich anbietest?"
sie schmunzelt; 
"für gewöhnlich: normalen geschlechtsverkehr, französisch, tittenfick, schmusen, erotische massagen, striptease, fußerotik, natursekt, körperbesamung (aber nicht aufs gesicht) und rollenspiele. haus- und hotelbesuche. escortservice. wenn er mir gefällt, dann ist auch mehr drin."
sie zieht an ihrer zigarette, und wieder dieses schmunzeln. ich schätze sie auf ende 20, vielleicht auch mitte 30 schon.
"wie hieß deine erste jugendliebe?"
kein schmunzeln mehr, bestimmt drückt sie die zigarette in einem schwarzen porzellan-teich aus, an dessen rand ein porzellan-frosch mit krone sitzt. witziger aschenbecher, denk ich mir; verwunschener prinz und so. 
"bernhard." 
sie macht eine lange pause; ich versuche gleichzeitig lieb und investigativ zu schauen. 
"ich weiß zwar nicht warum du das wissen willst. aber er hieß bernhard. und er sah aus wie der sänger von Talk Talk und stand oft fürchterlich verloren vor dem fahrradhäuschen unserer schule. das gefiel mir damals sehr."
post-rock klangteppiche, denk ich mir, während mein blick über den abgetretenen blau-karierten läufer wandert. und doch schon 35 denk ich mir.
"bist du auf dem land groß geworden oder in der stadt?"
"das war so beides, irgendwie. münchen war nicht weit. da hab ich dann später auch den udo kennengelernt."
sie schenkt sich ein glas perlwein ein, meine spesen. gehört sich, hatte ich mir so gedacht. schmeckt wie, das "tropica" riecht, denk ich mir jetzt.
"wer ist der udo?"
"mit dem udo, da hat es angefangen. nein, ich wurd zu nichts gezwungen. mir hat das ja gefallen, das viele geld plötzlich und der grüne porsche von udo. und ich mag es, wenn männer nervös werden, wenn sie mich zum ersten mal sehen. und ich mag es, wenn die männer ganz verschieden riechen. klar, manche riechen jetzt nicht so tolle. aber manche riechen grob nach pfeifentabak, manche kindisch nach nivea-creme und ein paar so wie du, die riechen nach frischem teer."
verlegen nestel ich an meiner hellblauen zigarettenschachtel und jetzt lacht sie und ich rauche.
"weißt du die penetration ist das eine. man gewöhnt sich an einen fremden kerl über einem, genauso wie an eine neue haarfarbe im spiegel. das andere, viel schwieriger ist das, das sind die augen; manche schauen so traurig, dass mir selber ganz komisch wird. und andere haben einen so starken, mutigen blick, dann muss ich an früher denken."
"an udo und seinen grünen porsche?"
sie bläst die roten locken aus ihrem gesicht.
"ja, an die zeit mit udo vielleicht. aber egal; weißt du, das wort zeitschaft sollt es geben; ein ort, was er gerad in der zeit ist, zu einer bestimmten zeit, nicht vorher und nicht nachher."
babette streckt sich, sicher in ihren bewegungen jetzt; die billige staffage aus orientalischen kissenbezügen: stumme zuschauer dieses dolce vitas der kleinen sinnlichkeit.
"die schwarzen lederbezüge, wie sie im sommer wie pech an der haut klebten - der duft von udos acqua di sale in der luft - und die tanzende zigarettenasche im aschenbecher. das mein ich."
"ich verstehe."
"weißt du, das glaub ich dir sogar."
blicke. wie man sie manchmal in der tram-bahn von frühreifen schulmädchen erhascht.


"ich muss jetzt los. genügt dir das. bin sowieso schon zu spät dran." 
ich nehme ihr angebot dankend an, mich zurück in die stadt zu fahren. im flur begegnen uns anzugträger, die mit verstohlenem blick, vor kunststoff-türen auf einlass warten. alle halbe schritt ein neues illuminiertes klingelschild; im engen treppenhaus muss ich an das gedicht von wolfenstein aus der oberstufe denken.
babettes renault twingo wartet auf dem schotterparkplatz. als sie den motor startet, kann ich an ihrem schweren schlüsselbund das eingefasste photo eines buben im vorschulalter ausmachen. ich schau aus dem fenster; carole king singt im radio und der sommer strengt sich heute nochmal mächtig an.
neben dem 'istanbul', einem kleinen türkischen imbiss, steig ich aus.
"mach's gut. hat mich gefreut. irgendwie."
"ganz meinerseits."
"wie du redest", sie lacht und sieht dabei ungemein schön aus. 
mit einer dose uludag in der hand sitze ich später noch auf den stufen vor dem 'istanbul'; an udo denk ich dann, den viperngrünen porsche und die feuerroten locken von babette.

Photos: Beowulf Agricola Tomek / Illustration: Andreas Zimmer / Interview: Martin Frank / Sommer 2012

Talk Talk - The Rainbow by valcs

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