27 August, 2012

hank williams und die disco-kugel.


manchmal weiß man gleich, dass das funktioniert. zum beispiel: toast mit bananen, weißer schokolade und zimt; keine frage. 
manchmal aber, da finden sachen zusammen, bei denen man erstmal stutzig wird: 
pavarotti an der tischtennis-platte. das hübsche mädchen mit dem dutt im flugzeug neben einem, das erzählt "waterworld" viermal im kino gesehen zu haben. oder wenn gin auf earl grey-tee trifft.
nur um dann festzustellen, dass das alles richtig ist. dass das alles so gehört.
so ähnlich verhält es sich auch, wenn das debüt-album "All Hell" von Daughn Gibson zum ersten mal aus den lautsprechern tönt: als ob sich ein country-barde aus dem nashville der 40er jahre auf irgendein angesagtes festival ins heutige barcelona verirrt und alte kassetten von den walker brothers mitgebracht hätte.  
/ verwirrung /
aber spätestens, wenn die loops bei "tiffany lou" den raum durchwabern, begreift man: ba-ba--BAM!

 

teletext / bunt.


ich sitze in der küche, trinke coca-cola mit knick-strohhalm und drücke virtuos die knöpfe auf der fernbedienung meines fernsehers. grund ist das International Teletext Art Festival
bis zum 16. september gibt es auf der ard-teletext 770 die arbeiten von künstlern zu sehen, die mit sechs farben dem format huldigen, dem ich früher die halbzeitergebnisse der bundesliga verdankt habe.
wer gerade keine fernbedienung zur hand hat, der kann auch HIER dem bunten treiben folgen. das ist nicht das gleiche, aber wem erzähl ich das.






23 August, 2012

der monarch / dreimal kirsche.


durch die rauchglas-tür der spelunke blinken sie leuchtend hervor: zitrone, kirsche oder die goldene 7. 
für einen moment wird dann vom bierseidel und den reval-zigaretten abgelassen: 
münzen einwerfen / von las vegas träumen / knöpfe drücken. und natürlich verlieren sie alle.

die großartige dokumentation "Monarch" begleitet in den 70er jahren dieter w. durch die verrauchten lokale der alten brd. von automat zu automat. und der monarch verliert nie.
fiktion und wahrheit bleiben in ständiger bewegung, genauso wie die walzen der automaten mit den bunten früchten darauf.
der monarch: wunderkind, glücksritter, getriebener.    

"in deutschland, wo viele menschen leben, arbeiten und es schwer haben, mit ihren gefühlen zurechtzukommen, sucht ein mann nach zärtlichkeit und liebe..."


21 August, 2012

liebesgrüße aus belarus.


weißrussland; geldscheine mit tieren darauf gibt es da, die todesstrafe und gigantomanische eishockey-arenen in winzig kleinen dörfern. und es gibt The Stampletons
The Stampletons gründeten sich 2009 in minsk, klingen aber tun sie nach dem winter '65 in london: {rollkragenpullover, liebeskummer, haschzigaretten und grauer schnee auf der carnaby street}. 
das beste aber, man denkt nicht an retro-lavalampen-reagenzgläser die ray davies im sinkflug über weißrussland abgeworfen hat. nein man denkt nicht. man schwoft.

wladimir shigatschew hat mit alex (voc/rhythm guitar), mite (solo guitar) und andy (drums) gesprochen: 

/ Sprache /
Alex: wir haben keine lust auf weißrussisch zu singen. unsere orientierungspunkte liegen allesamt im vereinigten königreich oder in den USA.
Mite: aber natürlich ist das auch eine stilistische frage. auf weißrussisch singen für gewöhnlich die bands, die weißrussische musik machen. wir machen keine weißrussische musik, und der fakt, dass wir aus weißrussland sind, bedeutet gar nichts.
Andy: ich verstehe uns als weltbürger. wir sind nicht die bürger irgendeines staates.

/ Inspiration & Kollektiv /
Alex: ich nehme unsere musik als training wahr. inspiration kommt nicht zu dem, der nichts probiert. um etwas aus der inspiration zu gestalten, musst du ein guter meister sein. 
Andy: bei unserem casting für die neue platte erschien ein hübsches mädchen aus der musikakademie, das famos klavier spielen konnte. sie hat mit uns genau 15 minuten gespielt. dann hat sie gesagt, dass sie befürchtet, unsere kollektive idylle zu stören und ist gegangen.
Mite: ja, und davor hat sie noch gesagt, dass es für uns besser wäre, jemanden zu finden, der gar nicht spielen kann und wir ihm dann nur die nötigen drei noten beibringen sollen. strange girl.

/ Mods & Punks /
Alex: ich weiß nicht, ob wir mods sind. sind wir mods?

Andy: wir wollen in unserer musik offen bleiben. deshalb ist es auch immer sehr spannend mit ganz unterschiedlichen bands zu spielen. 
Mite (lacht): einmal haben wir mit punks aus kaliningrad gespielt. das war schön! das waren echte punks, und damals befürchtete Andy, dass sie ihn erstechen, anzünden und dann die leiche in den abflussgraben schmeißen.


--> das kleine frankfurter label Time For Action Records hat gerade eine feine doppel-LP mit vergriffenem material von The Stampletons veröffentlicht.

20 August, 2012

ping / pong

das spiel der strizzis und der mädchen mit keckem lächeln. das schach der starlets und revolutionäre. und elton john treibt die ganze volksrepublik mit seiner rückhand zur verzweiflung. 

Michael Jackson
Charlie Chaplin & Bebe Daniels
David Bowie

Paul Newman & Robert Redford
Thelonious Monk
Elton John
Yasser Arafat
James Dean
George Bush sen.
Bob Marley
Audrey Hepburn
Fidel Castro
Günter Netzer


16 August, 2012

jump&run / ambient.


das erste videospiel, das ich gespielt habe, war "olympic summer games II" auf dem commodore 64 vom fischer richard. der fischer richard war ein freund von meinem bruder. mit richard war nicht viel los, aber er besaß dieses graue ding mit joystick; und seine mutter brachte chipsletten. 
neunzehn jahre später: in "FEZ" begegnet der kleine 2-D/gomez mit einem fez auf dem kopf einem hexaeder. das verwirrt ihn; und er hüpft und rennt weiter. 
wunderschön anzusehen ist das. aber es ist der soundtrack von disasterPEACE, der alle level von steve reich über Methylendioxy-N-methylamphetamin bis kraftwerk und tim hecker auswendig weiß.

13 August, 2012

interview mit einer hure.


ihr name ist babette*. und ihre haare feuerrot. und der autor kann nicht ganz verheimlichen, dass er etwas verlegen ist. 
durch das fenster, werden wir von aufgeregten raben beobachtet, die gegenüber auf den betondächern des industriegebiets platz genommen haben. 
das zimmer selbst erinnert ziemlich nüchtern an eins dieser modell-schlafzimmer aus einem der großen möbelhäuser; die rote seidenbettwäsche, die drei goldenen maneki-nekos auf dem fensterbrett und die ockerfarbenen wände verwirren meine sinne, genauso wie der klebrig süße duft (raumerfrischer, marke: "tropica") und die omnipräsente oberweite von babette.     
babette nimmt auf dem bett platz, sie trägt jeans und ein baumwoll-oberteil und raucht jetzt tatsächlich eine dieser langen zigaretten, die nach ihrem berufsstand benannt sind.


"was willst wissen?"
ihr münchnerisch eingefärbter zungenschlag gibt mir etwas sicherheit; mir, der ich mich in einen allzu weichen sessel à la Louis-seize fallen lasse.
"nun, zunächst würde mich interessieren, welche dienstleistungen du denn für gewöhnlich anbietest?"
sie schmunzelt; 
"für gewöhnlich: normalen geschlechtsverkehr, französisch, tittenfick, schmusen, erotische massagen, striptease, fußerotik, natursekt, körperbesamung (aber nicht aufs gesicht) und rollenspiele. haus- und hotelbesuche. escortservice. wenn er mir gefällt, dann ist auch mehr drin."
sie zieht an ihrer zigarette, und wieder dieses schmunzeln. ich schätze sie auf ende 20, vielleicht auch mitte 30 schon.
"wie hieß deine erste jugendliebe?"
kein schmunzeln mehr, bestimmt drückt sie die zigarette in einem schwarzen porzellan-teich aus, an dessen rand ein porzellan-frosch mit krone sitzt. witziger aschenbecher, denk ich mir; verwunschener prinz und so. 
"bernhard." 
sie macht eine lange pause; ich versuche gleichzeitig lieb und investigativ zu schauen. 
"ich weiß zwar nicht warum du das wissen willst. aber er hieß bernhard. und er sah aus wie der sänger von Talk Talk und stand oft fürchterlich verloren vor dem fahrradhäuschen unserer schule. das gefiel mir damals sehr."
post-rock klangteppiche, denk ich mir, während mein blick über den abgetretenen blau-karierten läufer wandert. und doch schon 35 denk ich mir.
"bist du auf dem land groß geworden oder in der stadt?"
"das war so beides, irgendwie. münchen war nicht weit. da hab ich dann später auch den udo kennengelernt."
sie schenkt sich ein glas perlwein ein, meine spesen. gehört sich, hatte ich mir so gedacht. schmeckt wie, das "tropica" riecht, denk ich mir jetzt.
"wer ist der udo?"
"mit dem udo, da hat es angefangen. nein, ich wurd zu nichts gezwungen. mir hat das ja gefallen, das viele geld plötzlich und der grüne porsche von udo. und ich mag es, wenn männer nervös werden, wenn sie mich zum ersten mal sehen. und ich mag es, wenn die männer ganz verschieden riechen. klar, manche riechen jetzt nicht so tolle. aber manche riechen grob nach pfeifentabak, manche kindisch nach nivea-creme und ein paar so wie du, die riechen nach frischem teer."
verlegen nestel ich an meiner hellblauen zigarettenschachtel und jetzt lacht sie und ich rauche.
"weißt du die penetration ist das eine. man gewöhnt sich an einen fremden kerl über einem, genauso wie an eine neue haarfarbe im spiegel. das andere, viel schwieriger ist das, das sind die augen; manche schauen so traurig, dass mir selber ganz komisch wird. und andere haben einen so starken, mutigen blick, dann muss ich an früher denken."
"an udo und seinen grünen porsche?"
sie bläst die roten locken aus ihrem gesicht.
"ja, an die zeit mit udo vielleicht. aber egal; weißt du, das wort zeitschaft sollt es geben; ein ort, was er gerad in der zeit ist, zu einer bestimmten zeit, nicht vorher und nicht nachher."
babette streckt sich, sicher in ihren bewegungen jetzt; die billige staffage aus orientalischen kissenbezügen: stumme zuschauer dieses dolce vitas der kleinen sinnlichkeit.
"die schwarzen lederbezüge, wie sie im sommer wie pech an der haut klebten - der duft von udos acqua di sale in der luft - und die tanzende zigarettenasche im aschenbecher. das mein ich."
"ich verstehe."
"weißt du, das glaub ich dir sogar."
blicke. wie man sie manchmal in der tram-bahn von frühreifen schulmädchen erhascht.


"ich muss jetzt los. genügt dir das. bin sowieso schon zu spät dran." 
ich nehme ihr angebot dankend an, mich zurück in die stadt zu fahren. im flur begegnen uns anzugträger, die mit verstohlenem blick, vor kunststoff-türen auf einlass warten. alle halbe schritt ein neues illuminiertes klingelschild; im engen treppenhaus muss ich an das gedicht von wolfenstein aus der oberstufe denken.
babettes renault twingo wartet auf dem schotterparkplatz. als sie den motor startet, kann ich an ihrem schweren schlüsselbund das eingefasste photo eines buben im vorschulalter ausmachen. ich schau aus dem fenster; carole king singt im radio und der sommer strengt sich heute nochmal mächtig an.
neben dem 'istanbul', einem kleinen türkischen imbiss, steig ich aus.
"mach's gut. hat mich gefreut. irgendwie."
"ganz meinerseits."
"wie du redest", sie lacht und sieht dabei ungemein schön aus. 
mit einer dose uludag in der hand sitze ich später noch auf den stufen vor dem 'istanbul'; an udo denk ich dann, den viperngrünen porsche und die feuerroten locken von babette.

Photos: Beowulf Agricola Tomek / Illustration: Andreas Zimmer / Interview: Martin Frank / Sommer 2012

Talk Talk - The Rainbow by valcs